Suche:






Resultate

Zur Gleichwertigkeit von Rechtstexten in verschiedenen Sprachen

Hintergrund Unsere Rechtsordnung gründet auf Sprache; sie ist an Normen gebunden, die vom Gesetzgeber schriftlich festgelegt worden sind. Rechtstexten liegt ein gedankliches Konzept von Recht zugrunde, eine so genannte virtuelle Semantik. In mehrsprachigen Kontexten wird diese virtuelle Semantik meist durch eine Sprachfassung wiedergegeben, die dann in die anderen Sprachen übertragen wird. Dabei kann es aufgrund kultureller, sprachsystematischer, diskurstraditioneller Unterschiede zu Divergenzen kommen, die evtl. für die Verständlichkeit der Texte hinderlich sind.

Ziel Dieses Projekt soll einen interdisziplinären Ansatz für den Vergleich von Sprachstruktur und Rechtsstruktur innerhalb des nationalen (schweizerischen) Rechts und in Bezug auf das EU-Recht liefern. Die Studie untersucht gezielt mehrsprachige Rechtstexte des Bundes und von drei mehrsprachigen Kantonen (Bern, Fribourg Graubünden). Es gilt festzustellen, mit welchen Mitteln jede Sprache die virtuelle Semantik abzubilden versucht, welche Strategien zu Verständlichkeit und Adäquatheit führen. Die Kriterien der Verständlichkeit sind vorwiegend aus linguistischer Sicht, die der Adäquatheit hauptsächlich aus juristischer Sicht zu entwickeln.

Bedeutung Wenn wie in der mehrsprachigen Gesetzgebung die verschiedenen Sprachfassungen (rechtlich) gleichwertig sind, muss auf jeden Fall gewährleistet sein, dass die Interpretation der verschiedenen Texte je adäquat ist. Dennoch arbeiten Rechts- und Sprachwissenschaftler bislang kaum unter der Prämisse der Mehrsprachigkeit fachübergreifend zusammen. Das vorliegende Forschungsprojekt untersucht namentlich die Einbeziehung von Sprachwissenschaftlern bei der Erarbeitung von Gesetzestexten und liefert damit auch politische Erkenntnisse, etwa über die Bedeutung paralleler mehrsprachiger Gesetzesredaktion. Mit dem Projekt soll ein Beitrag zu sprachlicher Verständigung und Unterstützung von Sprachminderheiten sowie zur Vertiefung des Mehrsprachenrechts der Schweiz geleistet werden.

Resultate Sprache und Recht sind eng verknüpft. Für die Gleichwertigkeit von Rechtstexten in den offiziellen Landessprachen - eine verfassungsrechtliche Verpflichtung - ist ein mehrsprachiger Ansatz im Entstehungsprozess von Gesetzen unerlässlich. Die Zusammenarbeit von Rechts- und Sprachwissenschaftler fördert zudem durch Fehlerkorrekturen und Rückkoppelungen die Qualität, Klarheit und Verständlichkeit. Wie dies auf Bundes- und Kantonaler Ebene umgesetzt wird, hinterfragte die Forschungsgruppe rund um Prof. Rainer J. Schweizer von der Universität St. Gallen am Beispiel der Entwicklung des Berufsbildungsgesetzes. Es zeigte sich, dass eine hohe sprachliche Qualitätssicherung namentlich für die Vorlage des Bundesrates eingerichtet ist, da zwischen den Redaktorinnen oder Redaktoren der verschiedenen Sprachfassungen reger Austausch herrscht. Diese Zusammenarbeit ist aber weder für den vorangegangenen Vernehmlassungsentwurf noch in der parlamentarischen Überarbeitung gewährleistet. Ebenso stellte die Forschungsgruppe fest, dass nur von einer zweisprachigen Textgenese gesprochen werden kann, denn bei der italienischen Übersetzung, fehlt eine eigentliche „demokratische“ Kontrolle. Völlig fehlen bisher die rätoromanischen Fassungen wichtiger Bundeserlasse, die an sich das Publikationsgesetz und das Sprachengesetz versprechen. Im Schlussbericht sind Hinweise, wie die Entstehung von gleichwertigen Gesetzen und ihrer Umsetzung optimiert werden kann.


Prof. Dr. Rainer J. Schweizer
Forschungsgemeinschaft für Rechtswissenschaft, Universität St. Gallen
+41 71 224 21 61
Rainer.Schweizer@unisg.ch


Prof. Dr. Isolde Burr
Romanisches Seminar, Universität Köln
burr@uni-koeln.de

 

Dokumente:

  Schlussbericht (637KB) 22.12.2008    öffnen >
  Wissenschaftliche Publikationen im Rahmen des NFP 56 (145KB) 03.11.2010    öffnen >

Zurück