Suche:






Resultate

Die Bedeutung des Rätoromanischen für die romanischsprachige Bevölkerung

Hintergrund Das Rätoromanische wird nur noch von 35 095 Personen in der Schweiz (0,48% der Wohnbevölkerung) als Hauptsprache angegeben. Da diese rezessive Kleinsprache eine der vier offiziellen Landessprachen und ein wichtiges Element des nationalen Selbstverständnisses ist, wird deren Fortbestand mit staatlichen und kantonalen Mitteln gefördert. Dies ist auch der von einer Bildungselite getragenen romanischen Sprachbewegung zu verdanken, die eine Schaffung bzw. Stärkung einer rätoromanischen Identität propagiert. Damit versucht sie, der von ihr konstatierten zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Rätoromanischen entgegenzusteuern.

Ziel Das Projekt stellt das Spracherleben und Sprachbewusstsein von Angehörigen der romanischsprachigen Basis ins Zentrum. Ihre Erfahrungen als Zweisprachige in einer asymmetrischen romanisch-deutschen Umgebung werden anhand von sprachbiographischen (narrativen) Interviews ermittelt. Untersucht werden soll, welche Sprachen welche Rollen in der Biographie und im Alltag der Befragten spielen und welche Faktoren zu einer positiven oder negativen Identifikation mit dem Rätoromanischen beitragen. Von besonderem Interesse wird die Wahrnehmung der sprachlichen Identifikationsangebote und Aktivitäten der romanischen Sprachorganisationen sein.

Bedeutung Die Erforschung von sprachbezogenen Identifikations- und Bewertungsprozessen in Romanischbünden ist von sozialer Bedeutung, da sie die Perspektive der direkt Betroffenen ins Zentrum rückt. Dieser Fokus erlaubt eine kritische Überprüfung der bisherigen sprachpolitischen Massnahmen zugunsten der rätoromanischen Sprache. Damit können die Bemühungen um das Rätoromanische als eine der vier verfassungsrechtlich anerkannten Landessprachen besser auf die im romanischen Sprachgebiet lebenden Menschen abgestimmt und die Subventionen zur Förderung zielgerichteter eingesetzt werden.

Resultate Welche Erfahrungen machen Leute mit rätoromanischer Muttersprache, welche mit der unabdingbaren Zweitsprache Deutsch und ihren Sprechern? Welche Bedeutung messen sie ihrer Erstsprache, welche dem Thema Sprache überhaupt für ihre Identität bei? Aus einer Analyse von 31 Sprachbiographien von Leuten der sogenannten romanischen Basis (aus nicht-akademischen Milieus) zieht das Forschungsteam von Renata Coray (Universität Zürich) Rückschlüsse zu Sprachbewusstsein und sprachlichen Identifikationsprozessen. Trotz hoher Wertschätzung der romanischen Erstsprache, die mit sehr positiven Gefühlen und Erlebnissen assoziiert wird, verhält sich die romanischsprachige Basis mehrheitlich pragmatisch und zieht bisweilen die deutsche Kommunikation vor. Dass sprachpflegerische Massnahmen wie z.B. konsequente romanische Beschriftungen, eine gemeinsame romanische Schriftsprache, eine romanische Tageszeitung oder identitätsstiftende Feste bei den Befragten auf wenig Echo stossen oder dass die meisten sich primär für ihr Idiom, ihr Dorf und ihre Region interessieren, könnten Hinweise für entsprechende Anpassungen sprachpflegerischer und -politischer Massnahmen geben.

Dr. Renata Coray
Romanisches Seminar, Universität Zürich
+41 44 388 70 54
coray@rom.unizh.ch

Dokumente:

  Schlussbericht (611KB) 26.02.2009    öffnen >
  Wissenschaftliche Publikationen im Rahmen des NFP 56 (157KB) 03.11.2010    öffnen >

Zurück