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Wie verlernt man mit steigendem Lebensalter das Lesen?

Hintergrund Die Lesekompetenzen vieler Erwachsener in der Schweiz sind so schwach, dass sie für das tägliche Leben in unserer Gesellschaft nur knapp genügen. Das haben repräsentative empirische Untersuchungen gezeigt. Personen, die mit dem Lesen Mühe haben, sind vor allem im mittleren und höheren Erwachsenenalter (ab ca. 40 Jahren) zu finden. Zur Erklärung des Illetrismus und dessen Zunahme mit dem Alter gibt es drei grobe Hypothesen: eine schulische, eine historische und eine biographische Hypothese. Entweder haben die betroffenen Personen Lesen und Schreiben in der Schule nie richtig gelernt, aufgrund einer kurzen und qualitativ schlechten Ausbildung Nachteile gegenüber der jüngeren Generation oder es im Laufe ihres Lebens wieder verlernt.

Ziel Dieses Projekt will die biographische Hypothese überprüfen – anhand von Personengruppen, die gefährdet sind, das Lesen und Schreiben als Erwachsene wieder zu verlernen. Ziel ist es, Massnahmen und Ansätze zur Prävention und Bekämpfung des Illettrismus vorzuschlagen. Dazu werden im ersten Schritt vorhandene Daten vertieft auf diese Problematik hin ausgewertet. Im zweiten Schritt sollen gefährdete Personengruppen zu ihrem Leseverhalten (Motivation, Art und Häufigkeit des Lesens, Lesestoff) und zu ihrer andauernden Lesesozialisation (Zweck und Bedeutung des Lesens im sozialen Kontext) befragt werden.

Bedeutung Erwachsene mit ungenügenden Lesekompetenzen sind in unserer Gesellschaft benachteiligt. Die Nachteile werden sich in Zukunft verstärken – aufgrund der Globalisierung, des zunehmenden Fortschritts in Wissenschaft und Technologie und einem verschärften Konkurrenzkampf. Angelernte und Hilfsarbeiter werden kaum noch gebraucht. Ihnen droht Langzeitarbeitslosigkeit. Um auf dem Arbeitsmarkt die Nachfrage nach höheren Kompetenzen abzudecken, wird die kontinuierliche Weiterbildung von Personen im mittleren Erwachsenenalter zunehmend wichtig. Doch Menschen mit ungenügenden Lesekompetenzen sind dabei entweder überfordert oder nehmen gar nicht erst daran teil. Das Projekt sucht nach Strategien, die dem Leseverlust vorbeugen oder diese Kompetenzen wieder auffrischen, um damit sowohl für Betroffene als auch für die Gesellschaft einen Ausweg zu zeigen.

Resultate Illettrismus ist, wenn Lesekompetenzen so schwach sind, dass sie für das tägliche Leben in unserer Gesellschaft nicht genügen. Die Betroffenen haben das Lesen zwar gelernt haben, aber diese Fähigkeit lässt schon im mittleren Alter stark nach und - laut repräsentativen Untersuchungen - am ehestens bei Berufsgruppen, die im Baugewerbe, in der Landwirtschaft, im Verkauf und als Küchenpersonal arbeiten, ebenso bei Hausfrauen bzw. Hausmännern. Philipp Notter von der Universität Zürich und seine Kollegin Claudia Arnold untersuchten das Phänomen. Dabei interessierte sie das Lese- und Kommunikationsverhalten bei der Arbeit und in der Freizeit. Fatal für die Prävention des Illettrismus ist, dass die Betroffenen von ihrem Defizit häufig nichts ahnen und sich selbst als gute Leser einschätzen. Unbesorgt können hingegen all jene sein, die beim Arbeiten regelmässig einen Computer benutzen, vor kurzem eine Weiterbildung absolviert haben und gern in Buchläden einkehren. Ein verblüffendes Ergebnis der Studien: Wer öfter telefoniert, kann besser lesen. Schwache Leser hingegen kommunizieren generell viel weniger als gute. Oft haben es ihnen die Eltern schweigsam vorgelebt.


Dr. Philipp Notter
Institut für Gymnasial- und Berufspädagogik
Universität Zürich
+41 43 305 66 83
philipp.notter@access.unizh.ch

Dokumente:

  Schlussbericht (423KB) 21.08.2008    öffnen >
  Poster (184KB) 29.06.2009    öffnen >
  Wissenschaftliche Publikationen im Rahmen des NFP 56 (150KB) 03.11.2010    öffnen >

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