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Zum Umgang mit den neuen Sprachminderheiten

Hintergrund Die Zunahme der Migration führt von der Viersprachigkeit zu einer Vielsprachigkeit in der Schweiz. Daraus ergeben sich auf verschiedenen Ebenen Herausforderungen für den Staat: Welche sprachlichen Fähigkeiten setzt man bei Einwanderern voraus? Welche Sprachen sollen in der Schule unterrichtet werden, welche wenden Behörden beim Umgang mit der Bevölkerung an? Es sprechen heute mehr Personen spanisch, portugiesisch, türkisch oder serbokroatisch als rätoromanisch. Das schweizerische Sprachenrecht basiert auf dem Territorialitätsprinzip, wird jedoch der Realität kaum mehr gerecht. Der rechtliche Rahmen für eine Balance zwischen Sprachenfreiheit von Migranten und ihrer sprachlichen Integration ist jedoch ungeklärt.

Ziel Der aktuelle Umgang mit den neuen Sprachminderheiten soll unter juristischen Gesichtspunkten kritisch hinterfragt werden. Eine besondere Bedeutung kommt dabei den Grundrechten zu, wie sie in der Bundesverfassung verankert sind. Aufgabe der Studie ist, aktuelle Modelle für den Umgang mit den neuen Sprachminderheiten aufzuzeigen und sie in unsere Verfassung zu integrieren – ohne gegen die Konzepte der Sprachenfreiheit oder der Rechtgleichheit zu verstossen, aber auch ohne von Postulaten der Integration und der Chancengleichheit abzurücken. Es geht um eine zielgerichtete Sprachpolitik, die mit der Vielsprachigkeit Chancengleichheit ermöglicht.

Bedeutung Die Studie will einen Beitrag leisten zur Versachlichung der Migrationsdebatte und zur verfassungs- und völkerrechtskonformen Sprachenpolitik im Umgang mit Zugewanderten. Es werden Leitlinien erarbeitet, mit denen die Rechtmässigkeit staatlichen Handelns gegenüber neuen sprachlichen Minderheiten in konkreten Problembereichen überprüft werden kann. Die Studie trägt bei zur Klärung des umstrittenen Umfangs verfassungsmässiger Rechte und Pflichten bei der Integration neuer Minderheiten.

Resultate Immer mehr Menschen, die in der Schweiz leben und hier arbeiten, verstehen die lokale Sprache nicht oder nur schlecht. Der Staat sollte seine Politik deshalb auf die neue Sprachenvielfalt ausrichten, indem er das Erlernen der Landessprachen fördert, aber auch vermehrt Übersetzungshilfen anbietet. Die Forschenden empfehlen den staatlichen Akteuren, im Sinne der vom neuen Ausländergesetz postulierten Chancengleichheit sprachliche Hindernisse abzubauen. Spitäler sollten professionelle Übersetzungshilfen beiziehen und Merkblätter in verschiedenen Sprachen anbieten. Vor schulischen Selektionsentscheiden könnten fremdsprachige Kinder privilegiert unterrichtet werden. Der Staat sollte die lokale Amtssprache bei der familienexternen Kinderbetreuung, auf Kindergartenstufe oder für Unterstützung auf Gymnasialstufe verstärkt vermitteln. Zu prüfen ist laut den Autoren, die englische Sprache zur Teil- Amtssprache aufzuwerten, d.h. der Staat würde mit der Bevölkerung punktuell vermehrt auf Englisch kommunizieren.

Dr. Alberto Achermann
Advokatur / Consulting, Bern
Tel: +41 31 332 52 19
alberto.achermann@bluewin.ch


Dr. Jörg Künzli
Universität Bern, Institut für öffentliches Recht, Bern
Tel: +41 31 631 48 21
joerg.kuenzli@oefre.unibe.ch

Dokumente:

  Schlussbericht (448KB) 18.02.2009    öffnen >
  Wissenschaftliche Publikationen im Rahmen des NFP 56 (151KB) 03.11.2010    öffnen >

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