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Ist eine soziale Kluft beim Sprachgebrauch in der Romandie erkennbar?

Hintergrund Wegen ihrer Randlage im frankophonen Raum fühlen sich viele der in der Romandie ansässigen Erwachsenen sprachlich unsicher, was sich unter anderem darin ausdrückt, dass die lokalen Varianten der französischen Sprache teils über- und unterbewertet werden. Ob dies bei Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren ebenso ist, ist nicht bekannt. Allerdings spricht die junge Generation eine so genannte «Jugendsprache», die mit grosser Wahrscheinlichkeit in der Sprachfantasie der Jugendlichen und beim Identitätsaufbau eine Rolle spielt.

Ziel Die Studie untersucht die Hypothese, dass innerhalb der Generation der Jugendlichen in der Westschweiz eine soziale Kluft besteht, die sich belastend auf den Ausdruck und den Sprachgebrauch auswirken kann. Dabei geht es um geschlechtsbezogene Aspekte sowie die soziale Zugehörigkeit und den Wohnort. Auch die Ethnizität spielt eine Rolle, die in Bezug auf die beruflichen und sozialen Gegebenheiten eine unterschiedliche Haltung zwischen jungen Schweizern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund erkennen lässt – und zwar je nach Sprachgebrauch als Integration oder Ausgrenzung.

Bedeutung Da sich das vorliegende Projekt hauptsächlich auf Sprache und Wortschatz der in der Romandie wohnhaften Jugendlichen konzentriert, wird man dadurch Erkenntnisse über deren Sprachgebrauch in unterschiedlichen Situationen gewinnen. Die Beziehung der Jugendlichen zu ihrer Erstsprache, der Eintritt der jungen Generation in die Berufswelt und die Kommunikation zwischen den Generationen sind problematisch – sowohl für die Eltern als auch für die Lehrer oder Vertreter aus Politik und Wirtschaft. Das Projekt kann einen Beitrag zur Klärung derartiger Probleme leisten.

Resultate Frankreich gilt als Referenz und dies bringt bei Jugendlichen eine gewisse linguistische Unsicherheit gegenüber dem Standardfranzösisch und der französischen Jugendsprache mit sich. In der Studie von Pascal Singy (Universität Lausanne) und Francesca Poglia Mileti (Universität Freiburg) erklären praktisch alle 16- bis 19-Jährigen, dass sie die Jugendsprache verwenden. Ihr spezifischer Wortschatz, durchsetzt mit „Verlan“ und Schimpfwörtern, erlaubt ihnen, sich so auszudrücken, dass die Erwachsenen es nicht verstehen oder auch einfach „Dampf abzulassen“. Die Jugendsprache wird für den Umgang mit den Eltern, den Lehrern oder einem Arbeitgeber als ungeeignet angesehen. Alle Interviewten sagen, dass der Gebrauch der Jugendsprache im beruflichen Rahmen generell nicht angebracht ist. Auch riskieren Mädchen scheinbar auf Geringschätzung zu stossen, wenn sie die Jugendsprache benutzen. Diese orientiert sich am „parler racaille“ der Pariser Banlieues und scheint vor allem über die Musik und französische Fernsehsender in Umlauf zu kommen. Aufgrund der Auswertung von mehr als 60 Interviews schliessen die Forschenden mit Empfehlungen an die Jugendlichen selbst, die Lehrerschaft und die Arbeitgeber. 

Prof. Dr. Pascal Singy
Section de linguistique, Université de Lausanne
+41 21 692 30 06
Pascal.Singy@unil.ch

Prof. Dr. Francesca Poglia Mileti
Département des Sciences de la société
Université de Fribourg
francesca.poglia@unifr.ch

Dokumente:

  Schlussbericht (auf französisch) (468KB) 07.07.2008    öffnen >
  Wissenschaftliche Publikationen im Rahmen des NFP 56 (152KB) 03.11.2010    öffnen >

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